Incontri al Corso 18 – Theresia Prammer

Vorstellung und Gespräch

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe INCONTRI AL CORSO 18 stellt die aktuelle Stipendiatin der Casa di Goethe, Theresia Prammer, ihr Projekt „Die andere Literatur“ in einem offenen Gespräch mit Gregor H. Lersch und dem Publikum, vor.

„Warum schreibe ich im Dialekt?

Dante, Petrarca und Der-mit-den-zehn-Tagen

Haben auf Toskanisch geschrieben.

Ich folge ihrem Beispiel.“

Giacomo Noventa: Versi e poesie, 1956

„L’altra letteratura“, die andere Literatur, nennt der Kritiker und Herausgeber Franco Brevini die von ihm in bedeutenden Editionen gewürdigten italienischen Dichtungen, die abseits des nationalsprachlichen Kanons von den Rändern her entstanden sind. Allemal unbeirrt resistent gegen sprachliche Purismen, setzten Dichter wie Tonino Guerra oder Giacomo Noventa der petrarkistisch geprägten nationalen Einheitssprache „die Macht der Maulwürfe“ (Tonino Guerra) entgegen, während bei Autoren wie Franco Loi oder Raffello Baldini das chorisch-karnevaleske Element überwiegt. Von den genuin lyrischen Stimmen (Franco Scataglini) zu den großen „Erzählern“, von den Realisten über die Satiriker bis zu den Avantgardisten, zeigt sich der Dialekt in Italien als hochspezialisierte Klaviatur mit vielen stilistischen Registern. Viele der Autorinnen und Autoren, die den Dialekt als ästhetisches Mittel nutzten, sind mittlerweile ihrerseits zu Klassikern geworden und haben ganze Generationen nach ihnen geprägt. Aber wer waren die Protagonisten der „poesia dialettale“ und welcher Zukunft steht ihr bevor?

Täglich, befand schon der 1997 verstorbene Sizilianer Ignazio Buttitta, verliert die Gitarre des Dialekts eine Saite. Über den Dialekt als Gedächtnisspeicher und „langue mineure“, als Nähesprache und hyperliterarischer Code, als Seelen-Nahrung und poetisch-poetologisches Labor, forscht Theresia Prammer und treibt ein Anthologievorhaben voran, das ganz dem kulturellen Gedächtnis der italienischen Dialekte in Versform verschrieben ist. Namen wie Virgilio Giotti, Franca Grisoni, Tonino Guerra, Franco Loi und andere, neben Pasolini und Zanzotto im deutschsprachigen Raum noch wenig rezipiert, möchte sie ins Deutsche übersetzen und dabei auch den jeweiligen Dialekten als italienische Literatursprachen nachspüren.

Theresia Prammer, geboren 1973, studierte Romanistik in Wien und lebt als Autorin, Übersetzerin und Veranstalterin in Berlin und Wien. Sie schreibt Essays zur Poesie der Gegenwart und ist als Dozentin am „Institut für Sprachkunst“ tätig. 2020 gründete sie das „Dante-Zentrum für Poesie und Poetik“. Zuletzt erschien ihre Edition der Gedichte Giovanni Pascolis (Nester, Wallstein 2024) sowie der Band Lectura Dantis. Zeitgenössische Dichtung im Dialog mit Dantes Commedia (2025).

Mit freundlicher Unterstützung der Karin und Uwe Hollweg Stiftung