REISE NACH ITALIEN XXI – Der Blick auf den Anderen

Ausstellungseröffnung

Mit Werken von: Francesco Arena, Guido Casaretto, Johanna Diehl, Esra Ersen, Silvia Giambrone, Benedikt Hipp, Christian Jankowski, Alessandro Piangiamore

Ausstellung, kuratiert von Ludovico Pratesi

Eröffnung 27. Oktober 2022, 18 – 21 Uhr, Begrüßung um 19 Uhr : Direktor Gregor H. Lersch und Kurator Ludovico Pratesi; die Künstler sind anwesend.

Vom 28. Oktober 2022 bis zum 9. April 2023 zeigt das Museum Casa di Goethe in Rom die Ausstellung „Reise nach Italien XXI – Der Blick auf den Anderen / Viaggio in Italia XXI – Lo squardo sull´altro“. Die von Ludovico Pratesi kuratierte Schau präsentiert Werke von acht Künstler*Innen unterschiedlicher Generationen, die in Italien oder Deutschland leben und arbeiten: Francesco Arena, Guido Casaretto, Johanna Diehl, Esra Ersen, Silvia Giambrone, Benedikt Hipp, Christian Jankowski, Alessandro Piangiamore.

Reise nach Italien XXI knüpft an Johann Wolfgang von Goethes Italienische Reise an und stellt die Frage nach der heutigen Bedeutung des Reisens. Italien ist seit jeher ein Land, in dem Reisende, heute nicht nur Touristen sondern auch Migranten, auf eine Realität treffen, die nicht immer mit den eigenen Erwartungen übereinstimmt. Die Wohnung in der Via del Corso, in der bereits Goethe mit anderen Künstlern lebte, wird hier zu einem Ort des Dialogs von Perspektiven von Künstler*Innen auf die Komplexität der europäischen Gegenwart ” kommentiert Gregor H. Lersch, der seit April 2022 das Museum Casa di Goethe leitet

Als Antwort auf die Frage Wie stehst du zum Anderen? formen die gegenübergestellten Werke einen Dialog, der das übergeordnete Motiv der Reise aus ganz verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Die Werke beschäftigen sie sich dabei auch mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen, darunter Migration, die Erinnerung an den Faschismus oder kulturelle Aneignung. Der Blick auf den Anderen wird zum roten Faden einer Erzählung zwischen Realität und Metapher.

“Italien des 21. Jahrhunderts ist Teil Europas, es teilt dessen Probleme und Widersprüche. Die Künstler*innen dokumentieren ihre persönliche Sichtweise in Videos, Malerei, Skulpturen und Fotos in einer Zeit, in der die Beziehung zum Anderen immer komplexer wird“, erläutert Ludovico Pratesi, der Kurator der Ausstellung.

Die Ausstellung mit ihren 34 Kunstwerken spielt mit den sich kreuzenden Perspektiven der acht Künstler*Innen:

Guido Casaretto (Istanbul 1981, lebt und arbeitet in Istanbul) wagt in seinem Video eine metaphysische Interpretation des Themas Maske und Verkleidung. Männer mit sardischen Masken wandern durch einen ausgetrockneten türkischen Salzsee. Die Szene thematisiert die kulturelle Aneignung und Übertragung von Ritualen im Mittelmeerraum. Die Masken stellen hier einen Bezug zu Goethe und dessen Aneignungsstrategien her: Fasziniert von den Verkleidungen und Umzügen des römischen Karnevals, nahm bereits dieser die Masken des Karnevals in Rom in die „Allegorie des Mummenschanzes“ in Faust II auf.

Francesco Arena (Brindisi 1979, lebt und arbeitet in Cassano delle Murge) und Silvia Giambrone (Agrigent 1978, lebt und arbeitet in Rom und London) übermitteln ihre Botschaften mithilfe von geschriebenen Worten: Arena präsentiert eine Serie von „Landschaftsbeschreibungen“, die er auf Reisen formuliert hat. Auf die Wirkung eines einzigen Satzes gestutzt, sind diese wie Gedichte in Bronzeklumpen geritzt, die wie Lehmziegel aussehen: Banale Gegenstände werden hier zu Bedeutungsträgern. Giambrone prangert Gewalt an Frauen und Femizid an, die in der patriarchalisch geprägten italienischen Gesellschaft noch relativ häufig anzutreffen sind. In ihrer Installation „OFF THE PAIN“, die hier zum ersten Mal ausgestellt ist, wird das Wort zur Botschaft und zum Zeugnis eines oft verschwiegenen Leidens.

Die Fotografie kommt zum Einsatz, um den Gegensatz von Schönheit und Widerspruch des heutigen Roms einzufangen. Johanna Diehl (Hamburg 1977, lebt und arbeitet in Berlin) richtet ihren Blick auf die Vergangenheit und untersucht, wie die faschistische Architektur und Ästhetik aus der Zeit Mussolinis heute wirken. Esra Ersen (Ankara 1970, lebt und arbeitet in Berlin) hingegen setzt ihren Fokus auf Migranten, die versuchen, in der italienischen Gesellschaft zu überleben. Dabei thematisiert sie die sozialen Härten unserer Zeit und das eklatante Müllproblem des heutigen Rom.

Benedikt Hipp (München 1977, lebt und arbeitet in Finning) bedient sich der Malerei, um die Beziehung zum Anderen in symbolischer und surrealer Weise darzustellen: Die Reise wird zur Metapher, Körperlichkeit und Verletzlichkeit, gar zum Wunschgedanken. Das gezeigte Werk „In continuo movimento“ ist für die Ausstellung entstanden und wird hier zum ersten Mal zeigt.

Christian Jankowski (Göttingen, 1968, lebt und arbeitet in Berlin) und Alessandro Piangiamore (Enna 1976, lebt und arbeitet in Rom)  gehen das Thema mit Ironie an: Jankowski stellt ein Film-Casting auf der Suche nach dem “perfekten Jesus” nach und geht dabei auf das Präsentationsbedürfnis des Vatikans als eine Form des „Showbusiness“ ein. Piangiamore  verwandelt in seinem Diptychon einen Bildausschnitt aus dem Alltag in eine spirituelle und fast mystische Vision: eine Reise in den Himmel, wo die Spuren des Vogelzugs auf himmlische Bahnen hinweisen.

Zur Ausstellung erscheint im Januar 2023 ein Katalog. Von Januar bis März 2023 finden eine Reihe von begleitenden Veranstaltungen statt.

 

DIE KÜNSTLER*INNEN

 

Francesco Arena (Brindisi, Italien 1978)

Der Künstler verfolgt zumeist zwei parallele Erzählstränge – die der kollektiven, vor allem nationalen Geschichte, und die der persönlichen Geschichte. Diese Stränge berühren, überschneiden und kreuzen sich bisweilen. In seinen Performances, Installationen und Skulpturen “in-formiert” die Tageschronik die Dinge, ob es sich nun Gebrauchsgegenständen handelt – Kalender, Zigarren, Wohnzimmermöbeln – oder um traditionelle Materialien der Skulptur (Marmor, Schiefer oder Bronze). Arena hat im MAXXI in Rom, im MADRE in Neapel und auf der Biennale von Venedig (2013) ausgestellt.

 

Guido Casaretto (Istanbul, Türkei 1981)

Guido Casaretto rekonstruiert Objekte und Prozesse, indem er sie in Einzelteile zerlegt und neu kombiniert. Er schafft so eine Hyperrealität, die letztlich das Ausgangsobjekt überdeckt. Es geht ihm nicht um die Unterscheidung zwischen Gegenstand und Darstellung, Realität und Imagination, sondern darum, den kontinuierlichen Fluss von Werden und Vergehen, um dynamische Systeme zu verstehen, deren Entwicklung unvorhersehbar ist. Er hat im MOCAK – Museum für zeitgenössische Kunst in Krakau und auf der Melbourne Triennial ausgestellt.

 

Johanna Diehl (Hamburg, Deutschland 1977)

Die Künstlerin Johanna Diehl geht von der Idee aus, dass die Wahrheit in den verschlungenen Pfaden der Erinnerung steckt. Sie erforscht, was in den dunklen und vernachlässigten Tiefen des kollektiven Gedächtnisses verborgen ist. Dabei interessiert sie sich für die verschiedenen Formen der Überschreibung von Erinnerungen und die Gegenwärtigkeit des Abwesenden. Sie untersucht und interpretiert die Identität Europas anhand der Architektur der verschiedenen Epochen und des Studiums der Archive. Sie hat in mehreren Museen und öffentlichen Einrichtungen in Deutschland ausgestellt, darunter das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück, die Deichtorhallen in Hamburg und die Bonner Kunsthalle. 2016 war sie Stipendiatin an der Casa Baldi der Deutschen Akademie Rom.

 

Esra Ersen (Ankara, Türkei, 1970)

Esra Ersen befasst sich mit der kulturellen Vielfalt, der Identität der Gesellschaft und ihren sozialen Randfiguren – oder, präziser: mit den kulturellen Mitteln des Individuums im Kampf gegen die vorherrschende Ideologie der Mehrheit. Im Fokus stehen kleine Zwischenfälle und Begebenheiten aus dem Alltag (Sprache, Verhalten oder soziale Interaktion), die jedoch eine größere Bedeutung in sich tragen. Unter dem Motto des fröhlichen Aufbegehrens basiert ihre Arbeit auf der Analyse gesellschaftlicher Situationen im Verhältnis zu Kultur, Mythos und Wirtschaft.

Die Trägerin des Rom-Preises Villa Massimo (2019/2020) hat im Frankfurter Kunstverein (2006) ausgestellt und nahm an den Biennalen von Istanbul, São Paulo, Liverpool, Gwangju und der Manifesta 4 teil. Die Serie „Diario“ entstand während des Aufenthaltes in der Deutschen Akademie Villa Massimo Rom im Jahr 2019/2020.

 

Silvia Giambrone (Agrigent, Italien 1978)

Mithilfe verschiedener künstlerischer Ausdrucksformen – Performances, Installationen, Skulpturen, Sound oder Videos – erforscht Giambrone den konkreten wie auch den politischen Körper unter besonderer Berücksichtigung der verborgenen Formen von Unterwerfung. Sie lotet die politischen Dimensionen von Intimität aus, da hier die geheimsten Kräfte jedes Menschen wurzeln. Giambrone hat in verschiedenen italienischen Museen ausgestellt, wie dem MAXXI in Rom, dem Museo del Novecento in Florenz und dem MART in Rovereto.

 

Benedikt Hipp (München, Deutschland 1977)

Benedikt Hipp greift aktuelle Themen, aber auch traditionelle Mythen und persönliche Erinnerungen auf und gibt ihnen in seinen Gemälden, Skulpturen und Installationen die Form der gesellschaftlichen Archetypen unserer Zeit. Der Körper ist ein zentrales Thema seiner Kunst, die die Konzepte von Individualität und Identität sondiert und die Bedeutung des Körpers als Ort architektonischer, sozialer und kultischer Handlungen untersucht. Seine Werke wurden in verschiedenen Gruppen- und Einzelausstellungen gezeigt wie dem Haus der Kunst in München, der Schirn Kunsthalle in Frankfurt und dem CAPC in Bordeaux. 2021/2021 war er Träger des Rom-Preises der Deutschen Akademie Villa Massimo.

 

Christian Jankowski (Göttingen, Deutschland 1968)

Christian Jankowski setzt sich mit Geschichte, Politik und der Sprache der Kunst auseinander. Bei seinen Arbeiten handelt es sich fast immer “Performances” – sowohl im wörtlichen als auch im formalen Sinne -, da sporadisch ahnungslose Personen mit in die “Installationen” einbezogen werden: darunter Fernsehprediger, Wahrsager, Grenzschutzbeamte und professionelle Zauberer. Die interaktiven Rollenspiele sind ein wesentliches Element in Jankowskis Arbeiten, da die „Teilnehmer“, ohne sich dessen bewusst zu sein, einen eigenen Beitrag zu dem Werk leisten. Jankowski war Kurator der Manifesta 2016, er hat in verschiedenen internationalen Museen wie dem Kunsthaus Hamburg, dem Kunstmuseum Stuttgart und dem MACRO in Rom ausgestellt und an den Biennalen von Venedig, Taipeh und Sydney sowie an der Whitney Biennale teilgenommen. Die Arbeit „Casting Jesus“ entstand während des Aufenthaltes als Träger des Rom Preises im Jahr 2010/2011 an der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom.

Instagram: @casadigoethe; Facebook: @casadigoetheroma; Twitter: @CasadiGoethe; YouTube: Casa di Goethe Roma

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