Aktuelles & Archiv

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Gut zu wissen

Alexander Cammann

VOM 4. APRIL bis zum 3. Juli 2022 DER KULTURJOURNALIST aus BERLIN mit dem PROJEKT

Zwischen Norden und Süden – Niederländische, französische und deutsche Maler im barocken Rom

Um 1600 wurde Rom zu einer europäischen Kunstmetropole: Zahllose Künstler aus anderen Ländern strömten in die Stadt, um Antike und Renaissance zu studieren, die neuesten Trends der hiesigen Stars von Caravaggio bis Bernini kennenzulernen und lukrative Aufträge zu finden. Zu dieser Community gehörten Claude Lorrain, Nicolas Poussin, Adam Elsheimer und zahlreiche Niederländer, von Paul Bril bis Herman van Swanevelt, mit berüchtigten Künstlerfesten, Ateliergemeinschaften und Ausflügen in die Campagna zum Zeichnen. Sie sorgten mit ihren Werken für die Verbreitung der Antike und der italienischen Lebensart im Norden. Sie prägten das Rom- und Italienbild in Europa – und die Stadt wurde zur ersten internationalen Kunstmetropole, wie Paris um 1900 oder Berlin nach 1918 und nach 1989.
 
„Ich erkunde diese lebendige europäische Kolonie zwischen 1600 und 1700 vor Ort, um ihren Alltag und ihr Schaffen zu schildern, die Stadt und den Kunstmarkt.“ Während jenseits der Alpen der Dreißigjährige Krieg wütete, entstand in Rom Hoffnungsvolles: ein innereuropäischer Kulturtransfer, eine in Inspiration, Konkurrenz und Gemeinschaft real existierende Nord-Süd-Utopie, wenigstens zeitweise – gegen alle Spaltungen des Kontinents.
 
Alexander Cammann, Jahrgang 1973, ist seit 2009 Redakteur im Feuilleton der Wochenzeitung DIE ZEIT und dort verantwortlich für Sachbücher. Er studierte Geschichte und Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und arbeitete danach mehrere Jahre als freier Kulturjournalist.


 

© Alexander Cammann

Grußwort des neuen Direktors

Gregor H. Lersch Foto: Giorgio Benni

Liebe Freundinnen und Freunde der Casa di Goethe,
 
ich möchte mich als neuer Direktor der Casa di Goethe vorstellen und Sie vor allem nach der schwierigen Zeit der Covid-Pandemie einladen, auch wieder persönlich in das Haus am Corso zu kommen.
 
Seit kurzem bin ich nun in Rom angelangt – also ungefähr 235 1/2 Jahre nach Johann Wolfgang von Goethe – und ich freue mich sehr auf die neue Aufgabe an diesem besonderen Ort. Ich komme aus Berlin nach Rom, wo ich in den vergangenen Jahren als Kurator und Ausstellungsleiter am Jüdischen Museum aktiv war. Das Konzipieren und Realisieren von Ausstellungen hat mich in den letzten etwa zwanzig Jahren vom Berliner Ausstellungshaus Gropius-Bau, dem Startpunkt meiner beruflichen Karriere, an Orte wie Paris, Madrid, Yokohama, aber auch nach Turin geführt. Einer meiner thematischen Schwerpunkte ist die Kunst des 20. und des 21. Jahrhunderts, die ich auch als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Kunst und Kunsttheorie der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt a. d. Oder gelehrt habe.
 
Italien ist mir seit vielen Jahren aus ganz unterschiedlichen Perspektiven sehr vertraut, nicht zuletzt da meine Frau aus Italien stammt und sich auch meine beiden Töchter ganz selbstverständlich zwischen den beiden Kulturen und Sprachen bewegen. Das deutsch-italienische Verhältnis ist in den letzten Jahren sehr komplex geworden und hat viele Risse bekommen. Die Casa di Goethe als literarischer Erinnerungsort bietet sich hervorragend an, um hier die Sichtweise des jeweils anderen besser zu verstehen und am Beispiel von Literatur und Kunst zu hinterfragen. Ausgehend von Goethes Aufenthalt in Rom möchte ich in Zukunft hier vermitteln, dass sich Kulturräume immer aus übernationalen Einflüssen zusammengesetzt haben und auch heute zusammensetzen. Insbesondere in Zeiten von aufkommenden nationalen populistischen Bewegungen in Europa und eines brutalen und die Gesellschaften spaltenden Krieges ist es mir besonders wichtig, die verbindenden Elemente der Identitäten in Europa hervorzuheben und gleichzeitig zu hinterfragen.
 
Meiner Vorgängerin Maria Gazzetti und dem Team des Museums bin ich sehr dankbar, dass Sie mich so freundlich in die neue Aufgabe eingeführt haben und ich werde an vieles Positive ihrer Arbeit an der Casa di Goethe anknüpfen.
 
Die erste Veranstaltung nach langer Pause findet am Abend 16. Mai statt. In den kommenden Tagen senden wir Ihnen weitere Informationen dazu. Ich freue mich, Sie bald vor Ort persönlich begrüßen und kennenlernen zu dürfen.
 
Es grüßt Sie herzlich aus der Via del Corso 18,
Ihr
Gregor H. Lersch


Diskussionsrunde

BERLINOMANIE UND ITALIENS SCHWIERIGE SCHÖNHEIT – Am Beispiel des „ligurischen Komplexes“

Wann: 16. Mai 2022 um 18 Uhr

Wo: Museum Casa di Goethe (2. Stock), Via del Corso 18, 00198 Roma

Veranstaltung auf Deutsch und Italienisch mit Simultanübersetzung. Im Anschluss Empfang

Anmeldung obligatorisch: gioni@casadigoethe.it

Das Museum Casa di Goethe nimmt das Veranstaltungsprogramm in seinen Räumen wieder auf. Zum Auftakt stellen die Beauftragte für Kultur und Medien und der AsKI e.V. den neuen Direktor der Casa di Goethe, Gregor H. Lersch, der Öffentlichkeit vor.

Mario Fortunato, Autor von „Le Voci di Berlino“ (Bompiani), die Kunsthistorikerin Hannah Baader vom Kunsthistorischen Institut in Florenz und Stephan Schlak, Chefredakteur der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ diskutieren über den Zustand der gegenwärtigen deutsch-italienischen Beziehungen. Alexander Cammann, Redakteur für Literatur bei DIE ZEIT und aktuell Stipendiat an der Casa di Goethe, moderiert die Veranstaltung und stellt die neue Ausgabe der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ mit dem Titel: „Der Ligurische Komplex“ vor. Deren Beiträge untersuchen die „schwierige Schönheit“ Norditaliens zwischen Land und Meer, erinnern an den Auftritt von Marianne Faithfull und Mick Jagger im populären Festival von San Remo, befragen Renzo Piano zu seiner neuen Brücke und stellen Nietzsche als Cicerone für kulturbeflissene Tourist*innen vor. Am Beispiel italienischer Literatur über Berlin wird der heutigen italienischen Faszination für die deutsche Hauptstadt nachgegangen und damit einer möglichen Komplementärgeschichte zur deutschen Italiensehnsucht in der Gegenwart.

Programm

18.00 Vorstellung und Grußwort des neuen Direktors

18.30 Debatte mit Mario Fortunato, Hannah Baader, Stephan Schlak,
            Alexander Cammann (Moderation)

19.30 Empfang


Direktor des Goethe-Hauses in Rom beginnt sein Amt

Der Wunsch nach Veränderung

Von Anna Mertens (KNA) 11.04.2022 11:22

Rom (KNA) – Gregor H. Lersch (43) ist neuer Direktor der Casa di Goethe, dem Goethe-Haus in Rom. Anfang April hat der aus Berlin kommende Kulturwissenschaftler die Leitung des kleinen Museums unweit der Piazza del Popolo übernommen. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erzählt er, was er sich vorgenommen hat und was das Museum so besonders macht.

KNA: Herr Lersch, die Casa di Goethe ist das einzige deutsche Museum im Ausland – wie erklärt sich der Superlativ?

Gregor H. Lersch: Es ist tatsächlich das einzige von öffentlichem Geld finanzierte Museum außerhalb von Deutschland. Die Finanzierung läuft über die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Diese Konstruktion gibt es sonst nirgendwo. Das macht es so besonders.

KNA: Verspüren Sie dadurch einen besonderen Erwartungsdruck?

Lersch: Den Erwartungsdruck gibt es wenn in Deutschland, weniger in Italien und vor allem in Rom. Hier sind wir ein kleines und spezifisches Museum. Von daher fühle ich die Herausforderung, den Ort innerhalb der lokalen Kulturlandschaft weiterzuentwickeln, und will abgesehen von den deutschen Touristen auch das italienische und junge Publikum ansprechen.

KNA: Wer ist der klassische Besucher?

Lersch: Es gibt täglich Personen, die auf den Spuren von Goethes italienischer Reise das Haus besuchen, sowie Kulturinteressierte aus aller Welt. Und es gibt es Schulklassen – aus Italien und Deutschland – , die jetzt nach Corona endlich wiederkommen. Vor allem die kleinen Häuser haben unter der Pandemie sehr gelitten. Unsere zentrale Lage hilft uns, aber wir befinden uns im ersten Stock und müssen die Besucher hineinlocken.

KNA: Die Casa di Goethe feiert in diesem Jahr 25-Jahr-Jubiläum. Was zeichnet das Museum aus?

Lersch: Der Besucher kann hier in die Zeit von Goethe und in die deutsche „Italiensehnsucht“ eintauchen, dazu Werke der Maler Johann Tischbein, Johann Georg Schütz, Johann Friedrich Bury und anderer sehen. Von 1786 bis 1788 lebten sie hier zusammen in einer Art Wohngemeinschaft. Das Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm geht darüber hinaus und beschäftigt sich mit Kunst und Literatur bis in die Gegenwart.

KNA: Was hat sich in den 25 Jahren verändert?

Lersch: Die größte Veränderung war sicher, dass 2012 eine weitere Etage ergänzt wurde, in der das Museum die Bibliothek des Deutschen Künstlervereins bewahrt und erforscht. Zudem wächst die Sammlung stetig, wir kaufen an und erhalten Schenkungen. Ansonsten hat sich die Dauerausstellung seit 1997 nicht grundlegend weiterentwickelt. Ich sehe es als große Aufgabe, diese in den kommenden Jahren zu verändern, durch neue Fragestellungen und mehr Bezug zur Gegenwart.

KNA: Ihre Vorgängerin Maria Gazzetti war beinahe zehn Jahre Direktorin, was wollen Sie weiterführen, was verändern?

Lersch: Ich knüpfe an vieles an. Mir ist es ein großes Anliegen, das deutsch-italienische Verhältnis zu spiegeln, also auch italienische Literaten und Künstler einzubeziehen, ein Schwerpunkt wird die Kunst des 20. Jahrhunderts sein. Und im Oktober eröffnet eine Ausstellung mit zeitgenössischen Künstlern aus Italien und Deutschland mit dem Thema „Der Blick auf den Anderen“, das ist ein sehr wichtiger Aspekt für mich.

KNA: Was ist Ihre persönliche Beziehung zu Italien?

Lersch: In erster Linie ist sie privater Natur. Meine Frau ist Italienerin und wir haben Familie hier. Italien als Land, aber vor allem die deutsch-italienischen Beziehungen sind sehr komplex geworden in den vergangenen Jahrzehnten. Das Verhältnis hat durch nationale und europäische Krisen und die diversen populistischen Bewegungen Risse bekommen – Italien ist nicht nur „das Land, wo die Zitronen blühen“.

KNA: Und was ist ihre Beziehung zu Goethe?

Lersch: Die ist zwiegespalten. Wie viele habe ich Goethe in der Schule gelesen. Da war ich erstmal nicht angesprochen. Später bin ich durch das Theater und Faust-Inszenierungen Goethe-begeistert worden. Dort hat mich zunächst seine Auseinandersetzung mit dem Dunklen, dem Bösen fasziniert. Das Werk ist unglaublich reich, bis hin zu Naturwissenschaften und dem Interesse am Orient – und vor allem: Das meiste hat auch heute Relevanz.

KNA: Sie kommen aus Berlin, haben dort am Jüdischen Museum als Kurator gearbeitet. Welche Erfahrungen bringen Sie nach Rom mit?

Lersch: Dass sich Kultur immer aus ganz vielen Elementen zusammensetzt und diverse, komplexe Einflüsse Gesellschaften formen – das trifft ja in gewisser Weise auch auf den Einfluss Italiens auf die deutsche Kultur zu. Zudem eine Sensibilität für die Relevanz in der Gegenwart und das Erbe des 20. Jahrhunderts. So ist es wichtig für mich, in die Dauerausstellung zu integrieren, dass in diesem Haus von der Portiersfamilie während der deutschen Besatzung ein Jude versteckt wurde.

KNA: Was ist der Zeithorizont für Ihre Arbeit hier?

Lersch: Ich habe mir vorgenommen, dass man bereits in den kommenden zwölf Monaten sieht, dass das Museumsprogramm und die Dauerausstellung um neue Fragestellungen ergänzt wurden. Das ist sehr wichtig nach Corona.

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Verena von Koskull aus Brandenburg

Stipendiatin in Rom vom 8. Februar bis zum 3. April 2022 mit dem Projekt

Übersetzung von Nicola Lagioia: La città dei vivi (btb Verlag München)

In kaum einer anderen Stadt liegen zeitlose Schönheit und Untiefen des Menschlichen so dicht beieinander wie in Rom. Die Metropole, deren Gründungsmythos mit einem Brudermord beginnt, ist Bühne, Protagonistin und schwarze Seele von Nicola Lagioias preisgekröntem Roman La città dei vivi. Mit chronologischer Präzision rollt er ein absurdes Gewaltverbrechen auf, das Jugendliche aus dem bürgerlichen Milieu 2016 begangen haben. Auf der Suche nach dem unerklärlichen Mordmotiv ergründet er die feine volatile Linie zwischen Licht und Schatten, die nicht nur das Leben dieser Stadt durchzieht, sondern in uns allen existiert.

Der römische Aufenthalt erlaubt mir, La città dei vivi im Herzen des Geschehens zu übersetzen. Ich kann der minutiösen Spurensuche des Autors folgen, um dem eigenartigen „Phänomen von Glanz und Grausamkeit der Ewigen Stadt“ nahezukommen.

Verena von Koskull
© Verena von Koskull

Verena von Koskull, Jahrgang 1970, studierte Italienisch und Englisch für Übersetzer sowie Kunstgeschichte in Berlin und Bologna. Nach mehrjähriger Verlagstätigkeit in Rom und Berlin machte sie sich 2002 als Literaturübersetzerin selbstständig. Sie übersetzte u.a. Romane von Gianrico Carofiglio, Carlo Levi und Antonio Scurati. 2020 wurde ihre Übersetzung von Edoardo Albinatis Die katholische Schule mit dem Deutsch-Italienischen Übersetzerpreis ausgezeichnet.