von Marc Grohall
Unter dem Datum des 2. Oktober 1787 schreibt Goethe in seiner „Italienischen Reise“ (1813/1817): „Nur alsdann, meine Lieben, wenn jeder nach seiner Weise handelt und zuletzt noch prätendiert, dass ein Ganzes werden, sein und bleiben solle, […], dann bleibt einem nichts übrig, als zu scheiden oder toll zu werden.“ Dieses Zitat beschreibt in seiner Absage an jedwede holistische Weltdeutung prototypisch das, was sich in „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ (1795/96) entfaltet. So oder ähnlich könnte man die Quintessenz vieler Tiefenbohrungen umreißen, die die diesjährigen Studientage des Bildungsforum Oßmannstedt in der Casa di Goethe in Rom unternahmen.
In Kooperation mit der Klassik Stiftung Weimar, der Goethe Gesellschaft in Weimar und der Casa di Goethe fanden die Studientage in Rom bereits zum fünften Mal statt. Vor dem Hintergrund der ewigen Stadt wurde diesmal nach einem vertieften Verständnis eines klassischen Bildungsromans geforscht. Neben Seminarsitzungen gehörten wieder Exkursionen wie z. B. zum Vatikan, dem Ara Pacis oder der Piazza Navona mit zum Programm. Auch das gesellige Miteinander kam nicht zu kurz.
Bereits auf einem ersten Spaziergang zur Villa Doria Pamphilii unter Leitung vom Marc Grohall wurde deutlich, dass Goethes Tun und Trachten nicht nur auf das theoretisch Allgemeine, sondern auch auf das individuell Konkrete bezogen ist. Goethes Besuch in diesem großzügigen Park inspirierte ihn beispielsweise nach eigener Aussage zu ‚botanischen Spekulationen‘, die sich über viele weitere Tage erstreckten und sich im Einzelnen verloren. Er untersuchte z. B. die Knospen verschiedener Bäume und kam zu dem Schluss, dass erst so verstanden werden könne, ‚was eine Knospe sei‘.
Auf die genauere Betrachtung der Rolle Italiens im „Meister“-Roman ging Hannes Höfer bei einer einführenden Seminarsitzung ein. Mit seiner Hilfe wurde deutlich, dass der Roman daraufhin angelegt wurde, gängige Stereotype zu unterlaufen. Rom und Italien kommen deshalb nur am Rande vor, weil das gängige Bild von Italien, wie es an Wilhelm Heinses Roman „Ardinghello“ (1786) rekonstruiert wurde, so gar nicht zu der Anlage des Romans von Goethe gepasst hätte. Diskutiert wurde auch, inwiefern die im „Meister“ enthaltenen Gedichte für die anhaltende Rezeption maßgeblich waren, immerhin wurde Mignons Lied „Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn“ mehr als einhundert Mal vertont, z. B. von Beethoven, Schubert, Schumann, Tschaikowski oder Hugo Wolf.
Melanie Hillerkus verdeutlichte in ihrem Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Romans, dass die Rolle des ‚sentimentalen Vaters‘ zahlreiche Aufschlüsse über die zwanzigjährige Entstehungsgeschichte liefert. Nicht zu unterschätzen war in diesem Zusammenhang, dass Goethe und seine Frau Christiane den frühen Tod zahlreicher Kinder verkraften mussten. Wilhelms lange Zeit ambivalente Bindung zu seinem Sohn Felix konnte als Verarbeitung solcher Erfahrungen verstanden werden.
Auf die Individualität von Bildungsbiographien verwies auch das Gespräch von Marc Grohall mit Rainer Maria Meinicke. Meinicke, der Fachleiter für Deutsch an der Deutschen Schule in Rom ist, berichtete sehr anregend von seinen Erfahrungen im ersten Jahr seiner Tätigkeit in Rom.

Claudia Nordhoff gelang auf ihrer Führung durch die Casa di Goethe das Kunststück, in knapp bemessener Zeit sowohl Goethes Leben in Rom plastisch aufscheinen zu lassen als auch detailliert in das Werk des Zeichners Christoph Heinrich Kniep (1755-1825) einzuführen und dabei als verbindendes Drittes Goethes und Knieps gemeinsame Zeit in Sizilien zu nutzen. Die von ihr kuratierte Ausstellung überzeugte durch die hohe Qualität der ausgestellten Exponate als auch der gezielten Erschließung von Knieps Schaffen.
In einem weiteren Vortrag von Melanie Hillerkus wurde der Wilhelm Meister als Theaterroman fokussiert. Im Roman streiten beispielsweise Wilhelm und Serlo über die Ausgestaltung der Figur des Hamlet auf der Bühne. Dieser Streit konnte überzeugend auf die zeitgenössische Diskussion über die Aufführungspraxis von Shakespeares Hamlet bezogen werden. In der Bearbeitung von Friedrich Ludwig Schröder (1777) stirbt Hamlet beispielsweise am Ende nicht und wird zu einem „edlen Jüngling, der einen ihm heiligen Auftrag vollzieht und als Sieger hervorgeht“. Wilhelm in Goethes Roman distanziert sich aber von solchen Versuchen, die „unordentlichen Begierden“ Hamlets zu entschärfen.
Eine andere Möglichkeit sich mit der Theaterpraxis des „Meister“-Romans zu beschäftigen, bot die von Marc Grohall geführte Besichtigung des aus dem Jahr 1730 stammenden Teatro Argentina in Rom. Neben dem hölzernen und mit rotem Plüsch überzogenen, imposanten Zuschauerraum vermittelten insbesondere die Reproduktionen von Programmheften aus der Zeit zwischen 1730 und 1850 einen lebhaften Eindruck des damaligen Theaterlebens.

Mit Hannes Höfer wurde zur Theaterpraxis herausgearbeitet, wie stark die Reflexionen über das Theater im „Meister“-Roman auch eine Reflexion über den Roman als literarische Gattung und über den Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ als solchem sind. Überspitzt formuliert könnte man sagen, der Roman liefere die Gebrauchsanweisung zu seiner Rezeption gleich mit.
Ein Unterhaltungsroman ist Goethes „Wilhelm Meister“ dann aber auch, so zeigte Hannes Höfer mit einem Vergleich zum populären Roman „Rinaldo Rinaldini“(1799)von Christian August Vulpius. Aber nicht nur ein Räuberüberfall ereignet sich in Goethes Roman und verbindet ihn mit der Unterhaltungsliteratur seiner Zeit, auch ein Geheimbund, der in Goethes Roman mit der ‚Turm‘-Gesellschaft beschrieben wird, so wurde deutlich, stiftet eine solche Beziehung. Was für die Zeitgenossen Goethes eine Selbstverständlichkeit war, kam den modernen Lesern in der Casa di Goethe allerdings verdächtig vor. Zu groß war die Nähe zu realen totalitären Organisationen, die versuchten, die Weltgeschicke zu lenken.
Neben dem Theater bildete die Anlage der Figuren einen weiteren Schwerpunkt des Seminars. Augenfällig wurde, wie sehr Goethes Roman vielfältige Identitäten entwirft. Als deutlichstes Beispiel für diesen Sachverhalt galt die Figur Mignon. Ist diese Figur ein Junge oder ein Mädchen, ein Kind oder ein Erwachsener, eine Liebende oder eine Spröde? Diese Fragen ließen sich mit einem „sowohl als auch“ beantworten. Hinzu traten der Harfner, die schöne Seele, Natalie, Marianne und viele andere, bei denen zwar das Geschlecht unzweifelhaft war, deren Identitäten aber ganz unterschiedlich verortet wurden.
Handelt es sich nun beim „Wilhelm Meister“ um einen Bildungsroman und wenn ja, welchen Begriff von Bildung muss man dazu voraussetzen? Diese Schlüsselfrage, die das gesamte Seminar als heimliche Gretchenfrage durchzog, blieb in dieser Allgemeinheit unbeantwortet, denn die Befunde wogen sich gegenseitig auf. Anlage und Inhalt des Romans unterlaufen, was in der Aufklärung als ‚Schwärmerkur‘ noch möglich schien: eine linear aufsteigende Entwicklung. Wilhelm ist zwar aufgrund günstiger Veranlagung ein guter Mensch, es ließ sich aber nicht sagen, dass er durch die Widrigkeiten des Lebens beständig geläutert und klüger würde. Diese Absage an ein schematisches Bildungskonzept der Aufklärung als etwas Positives zu begreifen und nicht als einen Verlust, erschien als ein Schlüssel zum Verständnis des gesamten Romans. Das Wesen der Bildung wurde nach dieser Lesart als Freiheit begriffen und die Lektüre des Romans versetzte die Teilnehmer gleichsam in diese Freiheit. Die Natur der Bildung hatte sie losgesprochen.
Die nächsten Studientage in Rom finden vom 11.–15.10.2026 unter dem Titel „Römische Affären – Ingeborg Bachmann, ihre Künstlerfreunde und das Rom der 50er und 60er“ statt. Anmeldungen und Informationen unter: info@bildungsforum-ossmannstedt.de.

Das Projekt Goethe intervenzioni in der Casa di Goethe in Rom zeigt, wie durch gezielte Eingriffe in die bestehende Dauerausstellung neue Perspektiven entstehen können. Studierende des Studios mut.und.anmut der weißensee kunsthochschule berlin entwickelten gemeinsam mit dem Museum eine zusätzliche Erzählebene zu Goethes Italienischer Reise.
Die nun erschienene Publikation dokumentiert dieses Experiment und lädt zur Diskussion über eine „Kultur des Updates“ in Museen ein – eine Antwort auf die Frage, wie Häuser auf sich wandelnde Seh- und Lesegewohnheiten und veränderte Erwartungen ihres Publikums reagieren können.
Petra Lutz (Stadtmuseum Berlin) moderiert das Gespräch mit Gregor H. Lersch (Casa di Goethe), Steffen Schuhmann (weißensee kunsthochschule berlin) sowie Teilnehmer:innen des Projekts.
Aperitivo 19:30 – 21:30 Uhr

Zur Ausstellung Italien in Linien. Meisterzeichnungen von Christoph Heinrich Kniep, kuratiert von Claudia Nordhoff, die bis zum 11. Januar 2026 in der Casa di Goethe in Rom zu sehen ist, erschien ein umfangreicher Katalog bei Edition Fichter.
Gregor H. Lersch, Direktor der Casa di Goethe, und Christoph Orth, Kustode der Graphischen Sammlungen, stellen den Katalog im Dialog vor. Die Veranstaltung bietet Einblick in Knieps vielseitiges künstlerisches Schaffen in Italien, sein besonderes Verhältnis zu Goethe sowie seine Bedeutung in Weimar, durch die exklusive Präsentation von Originalzeichnungen Knieps aus dem Bestand der Klassik Stiftung ergänzt.

Claudia Nordhoff, Kuratorin der Ausstellung „Italien in Linien. Meisterzeichnungen von Christoph Heinrich Kniep“, hält am 15. Oktober einen Vortrag im Goethe-Museum Düsseldorf zum Thema „Der Goethe-Zeichner Christoph Heinrich Kniep. Ein Künstlerleben in Rom und Neapel“.
Im Vortrag wird der Lebensweg des Künstlers Christoph Heinrich Kniep nachvollzogen, der von Hamburg nach Rom in die dortige deutsche Künstlergemeinschaft führte, und schließlich nach Neapel, wo Kniep vierzig Jahre lang lebte und arbeitete. Seine Reise gemeinsam mit Goethe wird ebenso ausführlich beleuchtet wie sein Wirken in Rom und Neapel, wo seine Zeichnungen bei den Reisenden hoch begehrt waren.
Foto: Christoph Heinrich Kniep (1755-1825): Ideallandschaft mit Pyramus und Thisbe und Anklängen an die Bucht von Palermo mit dem Monte Pellegrino. Lavierte Tusche über Tuschfederzeichnung, 1787. Aus dem Bestand des Goethe-Museums/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung
Am 24. September haben wir die Ausstellung „Italien in Linien. Meisterzeichnungen von Christoph Heinrich Kniep”, kuratiert von Claudia Nordhoff, eröffnet. Die zahlreichen Besucher nutzten die Gelegenheit, die detailreichen Zeichnungen des deutschen Künstlers, der Goethe nach Neapel begleitet hat, aus der Nähe zu betrachten.
Die Ausstellung ist bis zum 11. Januar 2026 geöffnet. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!







In Zusammenarbeit mit Klassik Stiftung Weimar, Direktion Museen

Mit freundlicher Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung und der Tavolozza Foundation


Foto: Andrea Veneri
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